Hinterfrage, in welcher Welt du lebst

“Über den Tellerrand hinausschauen”, wird oftmals gesagt für die weitsichtigen Menschen. Da ist viel dran, weil diese Aussage zum Ausdruck bringt, dass man in einer Welt lebt, nämlich dem Teller, und es darüber hinaus eine Welt gibt, die außerhalb des Tellerrandsexistiert, die also anders und meist sogar ganz anders ist. Wer nicht über den Tellerrand hinaussieht, wird niemals entdecken, welche weiteren Welten es gibt, er wird vielleicht niemals entdecken, dass es dort Welten gibt, in denen er sich viel wohler und glücklicher fühlt als in der Welt, in der er lebt.

In die änliche Richtung geht der Satz “Erkenne dich selbst”. Dieser stammt aus der Inschrift am Apollotempel von Delhi. Es genügt also nicht, dass man sich nur frägt, in welcher Welt man lebt, sondern es ist auch wichtig, dass man sich frägt, wer man selbst ist. Wenn ich mich nicht erkenne, kann ich nicht sagen, ob ich in der richtigen Welt lebe. Besonders unglücklich ist der, der eine falsche Einstellung von sich selbst hat, da er sich selbst noch nicht erkannt hat und dann noch in einer falschen Welt lebt. Wie einfach wäre es doch, dass ich mir erst Gedanken über mich und dann Gedanken über die Welt, in der ich lebe mache. Einfacher gesagt als getan. Wer aber seinen persönlichen Weg gar nicht startet, wird niemals sein Ziel erreichen.

Wenn mir also bewusst ist, dass die Welt in der ich lebe, vielleicht gar nicht die Welt ist, in der ich leben will, dann habe ich schon ein gutes Stück zu meinem Glück zurückgelegt. Denn nur die Erkenntnis, dass ich weiß, wo ich bin, wer ich bin und wo ich sein will eröffnet mir die Möglichkeiten, meine Wege dorthin zu finden, wo ich hin will.

So, das war jetzt ziemlich abstrakt und man kann mich hier leicht missverstehen. Ich will zum Ausdruck bringen, dass ich mir meine Welt genau und vorallem sehr kritisch ansehe und sagen kann, was mir gefällt, was mir nicht gefällt und wie ich mir meine Welt vorstelle. Diese Vorstellung bedarf einer erheblichen Gedankenanstrengung, denn ich muss mich erst freimachen und sehen, welche Welten es überhaupt gibt und in welche ich passe. Wenn ich nicht weiß, zwischen welchen Welten ich wählen kann, dann kann ich auch nicht wählen.

Was meine ich, wenn ich diese Gedanken hier beim Club Mountains bringe? Ganz einfach: Die Welt der Berge ist die Welt der unberührten und rauen Natur. Sie ist eine ursprüngliche Welt, eine Welt, von der wir abstammen und eine Welt aus der heraus die Evolution ihren Weg nahm. Die Welt der Berge ist in uns, sie stellt unsere Wurzeln dar und beeinflusst uns immer noch ganz tief in unserem Unterbewusstsein. Sie beeinflusst unsere Wünsche, unsere Sehnsüchte und unser Freud und Leid. Dem gegenüber leben wir meist in einer sehr technisierten und unnatürlichen Umgebung, etwa in Hochhäusern, auf asphaltierten Flächen für Straßen, Parkplätze und Gehwege, in Räumen aus Beton, Glas und Metall. Wir spüren nicht den frischen Wind, der durch die Bäume weht, riechen nicht die Düfte der Pflanzen, sehen nicht die Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten, die Blütenstaub suchen oder die Vögel, wie sie sich hoch über uns durch die Lüfte tragen lassen. Wir riechen Abgase, sehen nur die verschiedenen Graus von Beton und Bitumen, sehen kaum Blumen, Insekten schon gar nicht und anstatt den Flüssen und Bächen, die das Land mit frischem Wasser durchziehen sehen wir Stromleitungen, Eisenbahnschienen und mehrspurige Autobahnen. Das ist nicht unsere Welt, hier fehlt es an Harmonie zu unseren Wurzeln. Es verwundert uns also nicht, wenn wir uns entwurzelt fühlen, uns nicht zuhause, sondern zerrissen fühlen und versuchen, die heile Welt über andere Wege zu erreichen, was oftmals Wege der Sucht oder der Selbstaufgabe sind.

Nicht jeder will in einer Umgebung leben, wie in der Jungsteinzeit. Aber jeder hat die Möglichkeit, seine Welt und ihre Dissonancen zu erkennen und in Berührung zu seinen Wurzeln, also in Berührung zur unberührten Natur zu kommen. Hier ein paar Tipps, wie dies gelingen kann.

Gehe mindestens einmal die Woche raus in die Natur, am besten natürlich in die Berge, wer aber keine Berge vor der Haustüre hat, kann auch eine ausgedehnte Wanderung durch den Wald machen.

Beobachte die Natur, höre die Vögel singen und versuche, die unterschiedlichen Vogelstimmen zu unterscheiden und zu bestimmen, von welchem Vogel diese stammen.

Schaue auf das Kleine. Beobachte ganz nah und lange einen Ameisenhaufen und schaue den Ameisen bei ihrem Treiben zu und wie sie sich orientieren und welche Wege sie laufen.

Achte besonders auch die unterschiedlichen Düfte und lokalisiere die Pflanzen, von denen die Dürfte stammen.

Versuche zu entschleunigen. Gehe zu Fuß. Mit dem Fahrrad kommt man der Natur nicht nah und man bleibt in einer Zwischenwelt gefangen, nämlich von der, wo man herkommt – aus der Stadt mit dem Autoverkehr – und von der, wo man hinwill – zur Natur. Mit dem Fahrrad verlässt man kaum die alte Welt und taucht nicht in die Welt der Natur ein.

Schaue dir genau die alten Bäume an, die auf dem Boden liegen und verrotten. Achte auf die Pilze, auf die Flechten und die vielen Kleintiere, die das alte Holz zersetzen. Denke darüber nach, wie das System im Wald ist, um diese umgestürzten Bäume zu entsorgen.

Beobachte Schmetterlinge und Libellen und frage dich, was dir gefällt, ob und was du besonders schön findest und warum du das schön findest. Beobachte diese Tiere, wenn sie Blütenstaub sammeln.

Betrachte die Bäume. Wie stehen sie und welchen Raum nehmen sie ein. Welche Form haben sie? Und wie alt werden sei sein. Betrachte diese Bäume als Zeitzeugen. Was geschah an diesem Ort in dieser Zeit?

Bilden die Bäume eine soziale Gemeinschaft, indem sie Rücksicht auf die Nachbarbäume nehmen, damit sie auch Licht bekommen?

Im Frühjahr und Herbst: Wie stehen die alten und jungen zusammen und wie ist das Blätterwerk ausgebildet. Lassen die alten Bäume Licht zu den jungen Bäumen, indem sie sich mit dem Blätterwerk zurücknehmen und im Frühjahr später anfangen und im Herbst früher aufhören?

Lege dich auf den Boden, wenn Wolken auf dem Himmel sind und schaue den Wolken zu, wie sie sich verändern, wie sie sich teilen, an den Rändern ausfransen und wie sie verschmelzen. Denke an dein Leben und stelle dir vor, dass dieses eine solche Wolke ist und wie sie sich mit deinen sozialen Gemeinschaften teilen, an den Rändern ausfransen und wie sie sich verschmelzen.

Gehe nachts, wenn das Wetter wolkenlos ist, zu einem Ort, der nicht mit Licht verschmutzt ist. Betrachte den Mond, wie er aufgeht und abnimmt. Betrachte die Sterne, versuche, die Sternbilder zu erkennen und mache dir Gedanken dazu, wie weit diese Sonnen von uns entfernt sind.

Suche den Polarstern, also den Nordstern und stelle dir vor, du bist Kapitän auf einem Segelschiff vor 500 Jahren und der Nordstern ist dein Nagivationspunkt.

Setze dein Alter und das Alter der Menschheit zu dem Alter der Erde, auf der all dieses Leben entstanden ist, in Relation. Setze die Entfernung zum Mond in Relation zur Entfernung zur Sonne, setze die Entfernung zur Sonne in Relation zum anderen Ende der Milchstraße und denke darüber nach, wie viele Milchstraßen es gibt.  Denke beim Einschlafen darüber nach, was diese Erkenntnisse mit dir machen.